Monoklonale Antikörper

Eine Reihe so genannter monoklonaler Antikörper, das heißt biotechnologisch hergestellter Antikörper, die sich gegen bestimmte Oberflächenstrukturen von Zellen richten, sind bei MS in Erprobung.

Rituximab

Rituximab richtet sich gegen B-Lymphozyten und vermittelt möglicherweise auch auf andere Zellen eine blockierende Wirkung. Eine Phase-2 Studie mit 104 Patienten und der zweimaligen Gabe von Rituximab über 1 Jahr hat Wirkungen auf Kernspin und Schubrate gezeigt.[1]

Daclizumab

Daclizumab ist zur Verhinderung von Transplantationsabstoßungen seit Jahren zugelassen. Es blockiert einen Rezeptor auf Lymphozyten, der für das Wachstum wichtig ist. Möglicherweise wirkt es über einen anderen Mechanismus als nur die reine Blockade. Mehrere kleine Phase-2 Studien liegen vor, eine größere ist abgeschlossen und noch nicht veröffentlicht. Daclizumab wird als Infusion monatlich gegeben. Es scheint auch bei Patienten, die unter Interferonen noch Schübe haben wirksam zu sein. Bisher sind keine Nebenwirkungen aufgetreten. Eine Phase-3 Studie wird demnächst beginnen.

Hemmung von Entzündungsenzymen

Die so genannten Matrixmetalloproteinasen (MMP) spielen eine entscheidende Rolle bei Entzündungsprozessen im Gehirn. Eine bestimmte Antibiotikagruppe, die Tetrazykline, haben einen hemmenden Effekt auf die MMPs gezeigt. Eine Phase-2 Studie mit einem Tetrazyklin (Minozyklin) hat kürzlich erste positive Effekte gezeigt.

Lamotrigin

Es handelt sich um ein Epilepsiemittel, das gegenwärtig in einer Phase-2 Studie in England eingesetzt wird. Bei MS findet sich eine Störung der Transportwege durch die Zellwand, unter anderem der so genannten Natriumkanäle. Dies führt zu Störungen im Energiestoffwechsel der Nervenzellen. Unter der Vorstellung, dass Lamotrigin diese Kanäle blockieren kann, kann es möglicherweise die Nervenzellen schützen.

Erythropoetin

Es ist ein zur Behandlung der Blutarmut zugelassenes gentechnisch hergestelltes körpereigenes Hormon. Möglicherweise kann es den Zelltod von Nervenzellen hemmen. Nach einer kleinen Pilotstudie[2] mit 8 Patienten mit chronischer MS ist jetzt eine Phase-2 Studie in Planung.

Neurotrophine

Neurotrophine können das Überleben und die Entwicklung von Nervenzellen fördern. Ob die Gabe solcher Faktoren bei MS hilft, ist unklar. Eine Substanz (IGF-1) hat in einer Studie keine Wirksamkeit zeigen können. Andere (BDNF, GDF-1, CNTF) werden gegenwärtig in Vorstudien getestet.

Riluzol

Einige Hinweise liegen vor, die auf eine mögliche Wirksamkeit von Riluzol (Rilutek®) auf die degenerative Seite der Erkrankung schließen lassen. Die Annahme stützt sich auf die im Kernspin nachgewiesene Verzögerung atrophischer Prozesse. Rilutek® hemmt insbesondere die Bildung einer in höheren Konzentrationen nervenschädigenden Aminosäure (Glutamin). Möglicherweise lassen sich auch körpereigene Hemmfaktoren für die Myelinreparatur hemmen. Hier wird gegenwärtig an einer Beeinflussung des Faktors NoGo gearbeitet.

Toleranzinduktion

Neben der intravenösen Gabe von Myelinbestandteilen erfolgen noch andere Untersuchungen zur „Toleranzentwicklung“. In 2008 wurden die Ergebnisse einer großen Phase-2 Studie mit 267 Patienten vorgestellt.[3] Hier wurde ein Stück Erbinformation (DNS) für das Myelin-Basische Protein (MBP) an Viruspartikel gekoppelt (genannt BHT-3009) und insgesamt dreimalig innerhalb von 44 Wochen in den Muskel gespritzt.

Unter der Vorstellung, dass diese Partikel von Abwehrzellen aufgenommen werden und damit eine Bildung von MBP-Toleranz auslöst, wurden die Patienten mit SRMS klinisch und im Kernspin untersucht. Der Hauptendpunkt, das geringere Auftreten von Kontrastmittelanreicherungen im Kernspin wurde durch die Therapie nicht erreicht, Unterschiede in der Schubrate fanden sich nicht.

Neuronale Stammzelltransplantation

Erste Studien untersuchen die Transplantation von patienteneigenen Zellen, die Nervenscheiden bilden können. Hierzu wurden die so genannten „Schwann“-Zellen eingesetzt. Diese bilden die Nervenscheiden im peripheren Nervensystem, also z.B. an den Nerven der Arme und Beine. Bislang gibt es keine Befunde, die auf eine Neubildung von Nervenzellscheiden beim Menschen durch diese Therapie hinweisen. Bezüglich der Gabe von Erwachsenenstammzellen oder gar embryonalen Stammzellen gibt es bislang keine Untersuchungen am Menschen.

Hämatopoetische Stammzelltransplantation

Diese wird auch Knochenmarkstransplantation (KMT) genannt, obwohl kein Knochenmark transplantiert wird, sondern nur Blut-Stammzellen, die aus dem Knochenmark stammen. Kerngedanke bei der KMT ist, das Immunsystem des Patienten durch eine massive Immunsuppression vorübergehend auszuschalten. Aus körpereigenen Blut-Stammzellen wird dann ein "neues" und tolerantes Immunsystem wieder aufgebaut. Dabei werden zuerst Stammzellen des Knochenmarks stimuliert, durch Blutentnahme gewonnen und tiefgefroren konserviert. Anschließend findet die Immunsupression statt, worauf die Gabe der körpereigenen Blut-Stammzellen folgt.

Einige kleine Untersuchungen haben positive Effekte gezeigt. Bei Patienten mit schubförmiger MS kam es häufig zu einem Stillstand der Erkrankung. Dennoch besteht das Risiko erheblicher Nebenwirkungen, auch in erfahrenen Zentren liegt die Todesrate bei 1%. Gegenwärtig findet eine multizentrische Phase-2 Studie statt, die KMT mit Mitoxantron vergleicht.

Mesenchymale Zellen

Diese Zellen finden sich neben den blutbildenden Zellen auch im Knochenmark. Sie haben entzündungsregulierende Eigenschaften. Sie können aus dem Knochenmark mobilisiert werden und außerhalb des Körpers vermehrt werden, um sie dann dem Patienten wieder zurückzugeben. Der mögliche Nutzen bei MS ist nicht erforscht.

Kombinationstherapien

Verschiedene Studien untersuchen die Kombination von Interferonen, Copaxone® und Immunglobulinen miteinander oder mit Azathioprin, Methotrexat, Mitoxantron. Bislang liegen nur erste Daten zur Verträglichkeit dieser Kombinationen vor.

Neue Immunsuppressiva

Eine Studie untersucht die Gabe eines herzschützenden Medikaments (Dexrazoxan, Zinecard ®) begleitend zum Mitoxantron, um eine längere Therapie zu ermöglichen.

Sirolimus (Rapamycin®)

Sirolismus ist ein anderes Medikament aus der Transplantationsmedizin und Krebstherapie, das gegenwärtig in kleinen Studien bei MS untersucht wird.

Mycophenolatmofetil (Cellcept®)

Mycophenolatmofetil wird ebenfalls in kleineren Studien geprüft. Hier gibt es erste Daten, die für einen Effekt bei MS sprechen.

Pixantron

Pixantron ist eine Mitoxantron-ähnliche Substanz, die ebenfalls getestet wird und weniger Nebenwirkungen haben soll.

Rolipram und Mesopram

Rolipram und Mesopram in Tablettenform hemmen bestimmte Übertragungssubstanzen in der Zelle, die an Entzündungsreaktionen beteiligt sind. Beide haben keine überzeugende Wirkung in Phase-2 gezeigt.

Statine oder „Fettsenker“

Kürzlich konnte gezeigt werden, dass die so genannten Statine (Simvastin, Zocor®) nicht nur Blutfette senken, sondern auch das Immunsystem beeinflussen. Möglicherweise beeinflussen sie auch die Anheftung von Entzündungszellen an Blutgefäße, wie auch bestimmte Botensubstanzen. Zwei Studien mit insgesamt 70 Patienten hatten über 6 bzw. 9 Monate eine deutliche Abnahme von Entzündungsherden im Kernspin gezeigt.[4][5]

Hormone

Die Tatsache, dass Frauen häufiger MS bekommen und während der Schwangerschaft weniger Schübe erleiden, hat dazu geführt, dass Hormone als Therapie untersucht wurden. Hier finden sich erste positive Daten für eine Wirksamkeit von Östriol. Eine Phase-2 Studie findet gegenwärtig statt. Auch eine Studie mit Testosteron, dem männlichen Geschlechtshormon, als Gel findet gegenwärtig statt. Die Daten, vor allem auch zu den Nebenwirkungen, reichen bislang nicht aus, um Hormone als Therapiekonzept zu empfehlen.

Virostatika

Vor dem Hintergrund der Diskussion um eine Auslösung der MS durch Virusinfekte wurden auch virushemmende Substanzen (so genannte Virostatika) in der Therapie untersucht. Eine Studie mit Valacyclovir (Valtrex®) zeigte keine klare Wirksamkeit auf Schubrate oder Beeinträchtigung. Eine weitere Studie wird derzeit durchgeführt.

Einzelnachweise

  1. Hauser SL et al. B-cell depletion with rituximab in relapsing-remitting multiple sclerosis. N Engl J Med 2008; 358:676-88.
  2. Ehrenreich H et al. Exploring recombinant human erythropoietin in chronic progressive multiple sclerosis. Brain 2007; 130:2577-88.
  3. Garren H et al. and the BHT-3900 Study Group. Phase 2 trial of a DNA vaccine encoding myelin basic proteine for multiple sclerosis Ann Neurol 2008; 63:611-20.
  4. Vollmer T et al. Oral simvastatin treatment in relapsing-remitting multiple sclerosis. Lancet 2004; 363:1607-8.
  5. Paul F et al. Oral high-dose atorvastatin treatment in relapsing-remitting multiple sclerosis. PLoS ONE 2008; 3(4):e1928.